Horst, der Dropskopp – „Synapsenchaos eines Sonderschülers“

(Alle Textzitate und Fotos verwende ich mit freundlicher Genehmigung von Janine und Guido Hahne.)

Ich möchte heute einmal Horst vorstellen…

Horst

Horst ist ein Rottweiler (eventuell gemixt mit Hovawart). Das erste Mal las ich von ihm in einer Facebookgruppe, wo das Frauchen leicht verzweifelt Hilfe suchte. Da war der kleine Drops 4 Monate alt. Folgender Text hat mich seinerzeit (Anfang 2017) sehr bewegt:

„Ich bin verzweifelt ??. Wir haben einen 4 Monate alten Rotti-Mix Rüden und so unsere Probleme. Zur Info: Handaufzucht mit 2 Geschwistern, da die Mutter die Welpen nicht angenommen hat und die anderen 5 tötete. Da die Pflegemama nach 6 Wochen wieder arbeiten musste, mussten die Welpen zu ihrer Mutter, bis wir ihn mit knapp 9 Wochen bekamen. Von diesen Umständen erfuhren wir erst später (also von dem Wechsel von einer zur anderen). Er brachte so einige Baustellen im Bereich der Sozialisierung mit, die wir aber mit Geduld und Liebe gut in den Griff bekamen.

Nun zum Problem: Horst ist ein eher unsicherer Hund, mit geringer Frustrationstoleranz. Weihnachten das 1.Schweineohr: egal wer vorbei geht, knurren. Okay…tauschen klappt. Samstag: Kaustange (vorher kein Problem), meine Tochter (23) sitzt neben ihm, streichelt ihn-alles gut. Plötzlich kurzes Knurren und er beißt zu. Beide erschrocken (Hund und Kind), Kind verarztet und Stange weg getauscht. Gestern war unser Trainer da, zum 2. Mal, Problem besprochen und auch das tauschen klappt. Er: gib mal ne Stange, das muss ich mir ansehen. Ich erkläre noch, manchmal ist ihm streicheln im Nacken unangenehm und er schnappt dann in die Luft. Er: da wird er wohl mal ne schlechte Erfahrung gemacht haben (dachte ich mir schon).

Horst fängt an zu Knurren und was macht er?? Packt ihn im Nacken und dreht ihn auf die Seite. Er quiekt und der „Trainer“ erklärt, wir müssten uns durchsetzen, solange er noch nicht ausgewachsen ist. Ende vom Lied: Horst wollte das 1. Mal nicht mit im Schlafzimmer schlafen, Vertrauen ist im Arsch und er knurrt jetzt auch bei Spielzeug. Ich bin am Weinen, das ich das zugelassen habe und nun Angst habe, dass wir das nicht wieder hin bekommen und mein Hund uns als Bedrohung sieht. Wir haben ihm noch nie wehgetan und haben es auch nicht vor. Was können wir tun?“

Im Verlauf des Austausches in der Gruppe ergab es sich dann, dass ich Janine eine private Nachricht schickte, um zu fragen, ob ich ihren Text verwenden darf (zur Aufklärung über solche Methoden). Später ging es dann um eine konkrete Trainerempfehlung und wir stellten fest, dass sie gar nicht weit weg wohnt. Also machte wir einen Termin aus.

Das Erstgespräch im Hause Hahne

Mich erwartete oben an der Treppe ein zunächst aufgeschlossener und neugieriger Welpe, es wackelte und quietschte und er konnte mich gar nicht schnell genug „abchecken“. Im Gespräch erfuhr ich weitere Details zu seinem Start ins Leben und auch zu den zwei Terminen mit dem ersten Trainer. Dieser hat schon beim Betreten der Wohnung den kleinen Drops unsanft weggeknufft mit der Begründung, er müsse den Raum für sich beanspruchen. Bei der geschilderten Maßregelung (auf den Rücken drehen) hat Horst auch noch unter sich uriniert. Das Ganze fand in seinem Körbchen statt. Seitdem meidet Horst seinen Liegeplatz.

Janine hatte während des Gespräches nicht nur einmal Tränen in den Augen. Einerseits auf Grund der Verzweiflung und andererseits, weil sie diese Eskalation nicht hat kommen sehen und nicht schnell genug hat eingreifen können. Ich hatte vollstes Verständnis für sie. Horst versuchte währenddessen, meinen Schuh zu klauen.

Horst (Ich muss an dieser Stelle nicht erwähnen, dass ich den Namen einfach nur genial finde, oder?) hatte einen denkbar schlechten Start ins Leben. Die entscheidenden Wochen verbrachte er recht reizarm auf einem Hof. Durch die Handaufzucht fehlt ihm jegliche Sozialisierung durch die Mutter. Dann noch das traumatische Erlebnis mit dem Trainer mitten in der wichtigen Prägephase und das Chaos war perfekt.

Ressourcenverteidigung ist gerade bei Handaufzuchten oft ein „Problem“. Sie haben die feine Kommunikation einfach nie gelernt und die Anleitung der Mutterhündin fehlt. Erstmal ist es ganz normal, dass auch ein Welpe bereits mal knurrt und so sagt „Hey, das ist MEINS.“. Horst fehlte dabei leider von Anfang an das natürliche Maß und er übersprang regelmäßig mehrere Sprossen der Eskalationsleiter.

eskalations-stufen-low

Er sprang von der entspannten Haltung mehr oder weniger übergangslos zum Knurren und von dort zum Schnappen/Beißen.

Nach der Situation, in der er zu Tode geängstigt wurde durch den Trainer, unterließ er zunächst auch das Knurren. Im Laufe des Vertrauensaufbaus stellte sich dieses warnende Verhalten aber schnell wieder ein. Allerdings fehlten ihm noch immer einige Stufen. Im weiteren Verlauf unserer Arbeit mit Horst entwickelte besonders Janine ein sehr feines Gespür für seine Signale. Sie bemerkte zum Beispiel, dass er vor dem Knurren die linke Lefze ganz leicht hochzog.

Desweiteren zeigte Horst viele, viele Verhaltensweisen, die auf eine leichte Deprivation hindeuteten. In der kommenden „Spooky-Phase“, die normal für Junghunde ist, zeigten sich bei ihm deutliche Ängste. Janine spricht noch heute vom „Synapsenchaos“ ihres Droppskopps. Da wurde eine Mülltonne zum Monster und Horst ging keinen Schritt weiter. Teilweise war er im Dunkeln gar nicht vor die Tür zu bekommen.

Die Pubertät

Horst wurde älter und natürlich auch größer. Einen besonderen Schwerpunkt legten wir später auf das Vertrauen in den erwachsenen Sohn. Dieser war seltener zu Hause und hatte dummer Weise Ähnlichkeit mit dem Trainer, der Horst so furchtbar behandelt hat. In der pubertären Phase kam es einige Male dazu, dass er ihn im eigenen Haus stellte und verbellte. Beim Füttern biß er dann zu und verletzte ihn an der Hand. Zum Glück war es ein sehr gehemmtes Beißen, sodaß die Verletzungen nicht allzu schlimm waren. Aber dieser Einschnitt in das Vertrauen zum Hund war für alle sehr belastend.

Horst 2

Wie kann man diesem Blick eines pubertierenden Rotti-Mischlings widerstehen? Das täuscht leider gewaltig. Er macht rein gar nichts falsch. Er reagiert so, wie es für ihn richtig erscheint. Ich erlebe selten so mitfühlende und reflektierte Hundehalter wie Janine und Guido. Großen Respekt hab ich auch vor ihrem Sohn, der so toll mitgearbeitet hat. Wir verteilten überall in der Wohnung Schälchen mit Käsewürfeln an den strategischen Stellen. Das Schlafzimmer war mit einem Kindergitter gesichert und Horst knurrte, wenn der Sohn nur dran vorbeiging. Also sollte er jedesmal ohne Blickkontakt Käsewürfel werfen. Ebenso, wenn er das Wohnzimmer betrat. Sohn = Käsewürfel

Nur zwei Wochen später bekam ich eine Nachricht von Janine. Ihr sei das Herz in die Hose gerutscht als sie von der Arbeit nach Hause kam und Horst lag NEBEN IHREM SOHN auf dem Bett, beide schliefen seelig. Der Sohn hat wirklich alles getan und umgesetzt, um das Verhältnis zu verbessern und er kann sich auf die Schulter klopfen.

Das Körbchen-Training gestaltete sich über all die Zeit schwierig. Horst war nun fast ein Jahr alt, aber ein zuverlässiges „Auf Deinen Platz“ wollte nicht klappen. In der Zwischenzeit wurde ein neuer Korb gekauft (um die Verknüpfung mit dem alten Korb eventuell aufzuheben). Seine Skepsis blieb. Er verstand sehr schnell, was gemeint war. Setzte sich aber meistens VOR den Korb und sein Blick fragte „Reicht das schon?“.

Horst ist das, was ich als verhaltensoriginell bezeichnen würde.

Bei einem weiteren Termin im Spätsommer 2017 bekam ich ein Telefonat mit. Guido sprach mit seiner Hausbank. Danach eröffnete er mir, dass sie ein Haus gekauft hätten, extra für Horst. Ich hielt das für einen Scherz. Aber nein, sie haben tatsächlich ein paar Kilometer weiter auf dem Dorf ein Haus mit großem Grundstück gekauft, nur für Horst. Damit er mehr Raum für sich hat, weniger Reize ertragen muss und entspannter leben kann.

Ihr seid klasse…!

Ich danke allen Dreien für eine so tolle Zusammenarbeit und für so viel Engagement für Horst. Der Dropskopp mit Synapsenchaos hätte sich kein besseres Zuhause wünschen können. Janine danke ich für ihre Emotionalität, für ihre Empathie und ihren unermüdlichen Einsatz, Horst etwas beizubringen.

Horst und Guido

Guido danke ich dafür, dass ich immer offen sein durfte und Du auch mal ein ernstes Wort von mir mit Humor hingenommen hast. Du bist ein tolles Herrchen für Horst und ich freue mich, dass Du den einen oder anderen Aha-Effekt hattest.

Aaron danke ich dafür, dass er so eine gelassene und verständnisvolle Art hat, mit Horst umzugehen. Niemals ein wertendes oder gar böses Wort. Dafür ganz viel Einsatz und Mut, mit Horst zu arbeiten.

Bald wird Horst 2 Jahre alt. Noch gar nicht ganz erwachsen. Und Ihr habt so viel erreicht mit ihm. Als ich die Nachricht von Janine vor ein paar Wochen bekam, die in etwa so lautete: „Betty, Du musst nochmal kommen. Mit der Leinenführigkeit klappt das irgendwie nicht…“, hatte ich fast Tränen in den Augen. Horst hat so viele, große Baustellen und nun ist es die Leinenführigkeit. Im Vergleich eine Kleinigkeit. Für Horst allerdings eine fast unlösbare Aufgabe.

Ich bin sehr dankbar, dass ich den Weg mit Euch bis hierhin gehen durfte und ich freue mich für Horst, dass er BEI EUCH sein darf.

Ihr wärt nicht dort, wo Ihr jetzt steht, wenn Ihr nicht so viel Herz hättet. Wir haben rein positiv gearbeitet, Vieles mit dem Clicker aufgebaut, ohne Druck und ohne Zwang. Und es FUNKTIONIERT. Und manchmal sind es die kleinen Veränderungen, die etwas bewirken. Horst empfindet Besuch zum Beispiel als sehr viel entspannter, wenn man ihn einfach anleint und er bei seinem Herrchen liegen kann. Und manchmal wagen Menschen sogar große Veränderungen und kaufen ein Haus für einen verhaltensoriginellen Dropskopp. 😉

Liebe Grüße

BETTY

http://www.betty.one

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s