2 Tonnen Beißkraft und Kiefersperre

Der Mythos der erhöhten Beißkraft bestimmter Hunderassen

März 2014-06

Manchen Rassen wird nachgesagt, sie hätten höhere Beißkräfte als andere. Von bis zu 2 Tonnen ist die Rede, die sie aufbringen, wenn sie Beute reißen. Woher stammt dieser Mythos und mit ihm auch die Angst vor bestimmten Rassen und deren angeblich höheren Verletzungsrate im Vergleich zu anderen?

Fakt ist, daß Angaben über Beißkräfte von Hunden erstmals von Lindner, D.L., Maretta, S.M., Pijanowsky, G.J., Johnson, A.L. und Smith, Ch.W. im Jahre 1995 seriös ermittelt wurden. Hierzu sollte der Beitrag „Measurement of Bite Force in Dogs: A Pilot Study“ eingesehen werden. Veröffentlicht in „J. Vet. Dent.“, 1995, (12) 2; 49-54.

Link: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9693626

Die Ärzteschaft untersuchte anhand eines Transponders (Elektronik im Kauknochen) 48 Hunde. Es stellte sich heraus, daß die Beißkraft um so größer sein kann, wie die Rasse es ist. Die größte Beißkraft von sieben getesteten Rassen (ohne Pittbullartige) zeigte ein Rottweiler (1200 kp). Dabei schwankte die Kraft bei den vier getesteten Rottweilern zwischen 280 bis 1200 kp. Ein Retriever brachte es auf 480 kp. Gleiche Beobachtungen sind übrigens bei Schimpansen erfolgt, wo das größte Tier die höchste Kraft aufbringt.

Beißkräfte sind nicht rasseabhängig

Das zeigt, dass man eine höhere Beißkraft nicht einer bestimmten Rasse zurordnen kann. Auch ein Retriever kann mit mehr als 1 Tonne Kraft zubeißen, wenn er denn will. Die oft erwähnten 2 Tonnen erreicht allerdings kein Hund. Selbst der Mensch kann mit ähnlichen Kräften zubeißen, wie Hunde sie aufbringen.

Moxham und Berkowitz  wiesen übrigens schon früher nach, daß Menschen (hier wissentlich vorgenommene Untersuchungen) Beißkräfte entwickeln können, die im Bereiche zwischen 100 bis 1300 kp variieren. Also sogar den Rottweiler übertreffen können! Die Meßapparatur heißt nebenbei Gnathometer.

(„The effects of external forces on the periodontal ligament;
the response to axials loads“, in: “The Periodontal Ligament in Health and Disease”, Pergamon Press, New York (1982), pp. 249-6 wie Profitt et al. (“Occlusal forces in normal- and long-faced adults”, in: “ J. dent. Res.”, 1983, (62); 566-71))

Link: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/0021929086901697

In „Mechanical Advantage in the Pit Bull Jaw – a paper submitted to the faculty of the biology department, Presbyterian College, in partial fulfilment of the requirements for Biology 401 (19 p.)”, bereits am 9. November 1988 veröffentlicht, kam Jesse M. Bridgers nach craniologischen Messungen und Vergleich verschiedener Hundeschädel zu dem Ergebnis, daß es keinerlei Beweise für die Annahme gäbe, daß die Beißkraft eines Pitbulls höher als bei in Größe und Stärke vergleichbarer anderer Rasse sei.

Link: http://www.sabalchaseanimalclinic.com/tvradio/factsaboutpitbulls.html

Mit anderen Worten:
Angaben über Beißkräfte von Hunden zu vertrauen, ist höchst unsicher.

Der eine Vierfüßler beißt fest, weil er will, der andere eben nicht. Und Angaben VOR 1995 sind der jeweiligen Phantasie entsprungen!

Mythos Kiefersperre

Beißt ein Staffordshire Terrier zu, blockiert sein Kiefer und er kann ihn selbständig nicht wieder öffnen. Mit ein wenig Verstand kommt man selbst drauf, dass das ein Mythos ist. Wie könnte ein solcher Hund fressen, wenn bei jedem Biss der Kiefer blockiert und er ihn nicht mehr öffnen kann?

Wenn ein Hund seinen Fang nicht mehr öffnen kann, ist das krankheitsbedingt. Er leidet unter Kaumuskelmyositis.

https://www.thieme.de/de/tiermedizin/kaumuskelmyositis-50348.htm

Ein anderes Phänomen ist bei Hunden nicht bekannt. Man weiß aber, dass Staffordshire Terrier beispielsweise anders zubeißen als Schäferhunde, was auch die unterschiedlichen Verletzungsmuster begründet. Ein Staff beißt rein und hält fest. Darauf ist er gezüchtet. Die Vorfahren, die sogenannten Bullenbeißer, sollten sich im Tier verbeißen und festhalten.

Schäferhunde dagegen neigen eher zum Hetzen und somit zum Nachschnappen. Sie beißen kurz und heftig zu, lassen los und setzen nach. Dadurch entstehen schlimmere Wunden.

Weitere Unterschiede gibt es bei bestimmten Rassen je nach Zuchtziel und Einsatzgebiet. Apportierhunde haben ein sogenanntes „weiches Maul“. Sie könnten auch ein rohes Ei unbeschadet apportieren. Das ist gewollt, weil sie die Beute nicht weiter beschädigen sollen, wenn sie sie apportieren. Andere Rassen haben ein „hartes Maul“, beißen also generell etwas unkontrollierter zu, sind grobmotorischer. Ein rohes Ei hätte bei ihnen keine Chance, heil von A nach B gebracht zu werden. Mit der Beißkraft an sich hat aber auch das wenig zu tun. Auch ein Retirever oder Labrador kann „hart“ zubeißen, wenn er es denn will.

Liebe Grüße

BETTY
http://www.betty.one

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s